Erziehung zum bewussten Umgang mit Lebensmitteln

Schüler lernen an der Heinrich-Heine-Gesamtschule den bewussten Umgang mit Lebensmitteln: Bericht der „Aachener Zeitung“ vom 14.03.2015

Nicht auf den äußeren Schein kommt es an
Viel zu viele Nahrungsmittel landen in der Tonne, obwohl sie noch genießbar sind. Laut Studien fehlt Verbrauchern das Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit.
Von Rolf Hohl, Aachener Zeitung vom 14. März 2015

Aachen. Lebensmittel schmeißt man nicht weg; das lernen schon Kinder. Eine Selbstverständlichkeit, könnte man denken, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. In Deutschland enden jährlich über elf Millionen Tonnen Nahrungsmittel auf dem Müll, das sind 82 Kilo pro Person. Damit sich daran möglichst bald etwas ändert, beginnt die Aachener Heinrich-Heine-Gesamtschule schon im Unterricht damit.

Lebensmittel AusstellungHauswirtschaftslehrerin Angelika Seeliger und ihre Schüler Annika, Luca und Ahmet (v.l.n.r.) erbringen mit ihrer Kürbissuppe gleich selbst den Beweis, dass Lebensmittel mit Schönheitsfehlern ebenso gut schmecken, wie die makellosen aus dem Supermarkt. Fotos: Michael Jaspers

Damit dieses Unterfangen gelingt, macht die Wanderausstellung „Wertschätzen statt Wegwerfen“ des Eschweiler Entsorgungsunternehmens AWA auch Halt in Laurensberg. Anhand vieler interaktiver Aufgaben lernen die Schüler, die Ursachen und Auswirkungen der Lebensmittelverschwendung zu verstehen – und wie man sie vermeiden kann. „Wir müssen als Schule viel Überzeugungsarbeit leisten und den Schülern den Wert von Lebensmitteln nahebringen“, erklärt der stellvertretende Schulleiter Leo Gielkens. „Damit müssen wir Lehrpersonen schon bei uns selbst anfangen, sonst ist das unglaubwürdig.“

Verlorener Respekt

Es ist nachvollziehbar, dass damit beim Verbraucher – in diesem Fall bei den Schülern – angesetzt wird. Der mit Abstand größte Teil der weggeworfenen Lebensmittel fällt nämlich in Privathaushalten an, und die Gründe sind vielfältig. Wie Studien zeigen, verlassen sich die meisten Verbraucher nicht auf ihre eigene Urteilsfähigkeit, wenn es um die Entscheidung geht, ob etwas noch genießbar ist oder nicht. Ein Blick auf das Mindesthaltbarkeitsdatum genügt oft, und eigentlich unbedenkliche Esswaren landen im Müll. Häufig ließe sich mit den menschlichen Sinnen weit mehr über den Zustand eines Nahrungsmittels herausfinden als über das Haltbarkeitsdatum. Auch die richtige Lagerung hilft, Lebensmittel länger und besser zu erhalten.

Angelika Seeliger ist Hauswirtschaftslehrerin an der Heinrich-Heine-Gesamtschule. Sie weist darauf hin, dass bereits richtiges Einkaufen entscheidend ist, um weniger Lebensmittel zu verschwenden: „Esswaren werden in viel zu großen Packungen angeboten. Wer braucht denn schon eine Packung mit drei Kilo Hackfleisch?“ Tatsächlich sei durch die ständige Verfügbarkeit und sinkende Preise der Respekt vor Lebensmitteln weitgehend verloren gegangen. Was nicht mehr perfekt aussieht, wird aussortiert.

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Seeliger macht das Gegenteil. Sie hat einen ganzen Sack voll mit krummen Frühlingszwiebeln, unförmigen Möhren und einen Kürbis mit kleinen Macken mitgebracht. „Das Gemüse ist schlecht, aber man kann es noch essen“, bemerkt Schülerin Annika scherzhaft, womit sie nur teilweise recht hat. Denn die Kürbissuppe, die Seeliger mit den Schülern daraus kocht, schmeckt dann doch allen erstaunlich gut. „Das ist ein Modell für die Zukunft. Wenn wir mit aussortierten Nahrungsmitteln kochen, sensibilisieren wir die Schüler für das Essen und seine Qualität“, sagt sie.

Wie wichtig das ist, wird den Schülern anhand der schieren Mengen bewusst, welche in der AWA-Ausstellung anschaulich dargestellt wurden. „Mich überrascht vor allem, dass es so viel ist und wie kleinlich die Gründe sind, weswegen die Esswaren einfach weggeworfen werden“, sagt Schüler Luca. Auch sein Klassenkamerad Marvin zeigt sich beeindruckt und erklärt, er werde in Zukunft genauer darauf achten, was er in den Müll wirft, und was man eventuell noch verwerten könnte.

Schüler zeigen sich beeindruckt

Gielkens ZitatWas da alles möglich ist, darüber haben sich Marcus und Fritz in der Ausstellung besonders genau informiert. Sie glauben, dass sie viel Wissen daraus mitgenommen haben und dieses auch weitergeben können. Insgesamt erwacht bei den Schülern das Interesse an dem Thema sehr schnell, und sie sehen bald, wo sie zu Hause und beim Einkaufen ansetzen können.

Dass Eindrücke wie diese haften bleiben, ist für einen erfolgreichen Kampf gegen Verschwendung essenziell. „Die Schüler haben den Umgang mit Lebensmitteln aus dem Elternhaushalt übernommen. Aber ebenso nehmen sie das hier erlangte Bewusstsein auch mit nach Hause“, sagt Leo Gielkens. Viele Eltern hätten sich bereits bei ihm gemeldet und die Beschäftigung der Schule mit dem Thema gelobt. Es führe zu Auseinandersetzungen zu Hause, aber im positiven Sinne.

Vertrauen in die eigenen Sinne

Besonders anschaulich lassen sich die Ursachen für Lebensmittelverschwendung an Gemüse und Obst erkennen. Sie machen fast die Hälfte aller weggeworfenen Esswaren aus. Schon beim Anbau und der Ernte entstehen mitunter große Verluste, weil etwa Hitze, Frost oder Niederschlag so große Schäden anrichten, dass sich eine Ernte überhaupt nicht mehr lohnt – selbst wenn längst nicht alles verdorben ist. Auch ein Überangebot und die daraus resultierenden niedrigen Preise können für Bauern ein Grund sein, Gemüse oder Früchte zur Grunddüngung unterzugraben, statt sie zu ernten. Es rechne sich schlichtweg nicht.

Drastischer wird die Situation bei dem sogenannten Vertragsanbau. Zwar wird die Abnahme der Lebensmittel durch den Käufer garantiert, aber wenn gewisse Kriterien wie Form, Farbe oder Größe nicht erfüllt werden, muss der Produzent die abgelehnte Ware vernichten und darf sie nicht anderweitig verkaufen. Generell spielen visuelle Kriterien bei Frischwaren eine sehr wichtige Rolle bei den Verkaufsstrategien der Händler. Alles, was nicht normgemäß aussieht, fällt diesen äußeren Idealen zum Opfer.

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Video im Netz

Unsere Video-Redakteure haben sich auf den Weg gemacht und auf der Straße gefragt, wie es die Aachener mit dem Wegwerfen von Lebensmitteln halten.
Video im Internet:
www.az-web.de

Verschwendung trotz Bildung

„Das sind alles sehr komplexe Themen – von der Ernährung bis zum Klimaschutz, der letztlich auch von der Verschwendung betroffen ist“, sagt Gielkens. „Aber es ist wichtig, dass wir solche Dinge interessant und altersgerecht vermitteln.“ Man müsse nicht nur darauf achten, was und wie viel man esse, sondern auch, woher es stammt. Und auf die Zeit. „Es geht nicht nur um das Essen, sondern auch darum, sich mehr Zeit dafür zu lassen und Ruhe in den Alltag zu bringen“, ist Gielkens überzeugt. In mehreren Studien zeigt sich überdies, dass in Haushalten von Gebildeten mehr Lebensmittel verschwendet werden als in solchen mit niedrigerer Bildung. Gielkens führt das auf die Einkommensverhältnisse zurück und sagt, es müsse ein Ziel der Schulen sein, allen Schülern gleichermaßen einen sparsamen und respektvollen Umgang mit Esswaren beizubringen. Dass Fleisch, Gemüse und Früchte durch die industrialisierte Landwirtschaft und den globalisierten Handel immer günstiger werden, trägt zu der sinkenden Wertschätzung bei, wie eine Studie der FH Münster belegt.

Ein Problem, das auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft erkannt hat. Mit der Kampagne „Zu gut für die Tonne“ klärt das Ministerium über die Ursachen von Lebensmittelverschwendung auf und gibt Tipps, was der einzelne Verbraucher dagegen tun kann – und das kommt an. Über 42000 Leute haben bislang online den Test gemacht und geprüft, was sie bereits über die Gründe der Verschwendung wissen.

Weitaus interessanter dürfte aber das Angebot sein, das auf der Webseite und als App von der Apfelhälfte mit dem traurigen Gesicht beworben wird: Rezepte für die Verwertung von Resten. Mehr als 400 solcher Vorschläge gibt es bereits, und jeder Benutzer kann selbst noch eigene Ideen beitragen. Raphaela Hensch vom Verbraucherschutzministerium des Landes NRW sieht in den Privathaushalten insgesamt einen positiven Trend. „Man kann pauschal noch keine Aussagen dazu machen, aber einzelne Befragungen lassen zumindest vermuten, dass sich das Bewusstsein für Nahrungsmittel bei den Verbrauchern verbessert hat“, sagt sie.

Nachhaltigkeit im Auge behalten

Am Ende der oft nur allzu kurzen Lebenszyklen von Nahrungsmitteln stehen dann die Entsorgungsunternehmen. Michael Uhr von der AWA blickt nicht besonders optimistisch in die Zukunft, wenn es um das Verhalten der Verbraucher geht. „Fastfood etwa ist genauso eine problematische Entwicklung wie zum Beispiel der Trend zu Wegwerfkleidung“, beklagt er. Obwohl insbesondere Bioabfälle mittlerweile zur Energiegewinnung genutzt werden können, dürfe man sich nicht alleine an wirtschaftlichen Überlegungen ausrichten, sondern müsse auch die Nachhaltigkeit im Auge behalten. Aus diesem Grund entstand die Wanderausstellung, mit der die AWA auf die Lebensmittelverschwendung aufmerksam macht. Letztlich sind es Kleinigkeiten, die entscheidend sind, wann, ob und wie viele Lebensmittel weggeworfen werden. Laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft sind über zwei Drittel der Nahrungsmittel, die heute im Müll landen, noch bedenkenlos genießbar. Das Ziel ist also klar. Jetzt ist es an den Verbrauchern, den Produzenten und dem Handel, das Verhältnis zu Esswaren zu überdenken und ihnen wieder jenen Respekt entgegenzubringen, den sie verdienen.

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„Wir gehen damit nicht leichtsinnig um“

Am Beispiel der Hit Markt Kette erklärt Geschäftsführer Herbert Sütterlin die Perspektive des Einzelhandels, der sich täglich mit dem Problem der Lebensmittelverschwendung auseinandersetzen muss. „Wir gehen mit dem Thema nicht leichtsinnig um, aber wir dürfen dabei auch nicht die gesetzlichen Vorschriften verletzen“, sagt er. Insgesamt belaufe sich der Verlust durch nicht verkaufte Nahrungsmittel auf ungefähr 0,3 Prozent des Gesamtumsatzes. Bei Obst und Gemüse ist es doppelt so viel, weil diese schneller verderben.

Um diesen Anteil so gering wie möglich zu halten, ist das komplette Bestellsystem der Hit-Märkte computergesteuert. Damit wird täglich auf die Kundennachfrage reagiert, und die Mengen werden angepasst. „Was übrig bleibt, geht in unserem Fall an einen Kindergarten. Die kochen dann am nächsten Tag damit“, erklärt Sütterlin.

Grundsätzlich dürfen Waren, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist, weiterhin angeboten werden. Sie müssen aber gekennzeichnet sein und im Fall, dass etwas verdorben war, haftet der Händler und nicht mehr der Produzent. „Kleinere Märkte sind da flexibler, aber die großen Ketten werden sich hüten, das Mindesthaltbarkeitsdatum voll auszureizen“, sagt Sütterlin. „Da landet vieles auch schon ein bis zwei Tage vor Ablauf auf dem Müll.“

Wie aus einer Statistik des Bundesamts für Ernährung und Landwirtschaft hervorgeht, hat der Handel an der gesamten Menge an verschwendeten Lebensmitteln mit nur fünf Prozent den kleinsten Anteil zu verantworten. (rhl)

Bericht der Aachener Zeitung (Spezial) vom 14. März 2015. Diesen Zeitungsartikel finden Sie in leicht geänderter Form auch online auf dem Internetportal der Aachener Zeitung. Wir bedanken uns bei der Aachener Zeitung für die freundliche Bereitstellung des Artikels.

Weitere Informationen zum Thema finden Sie auf den folgenden Internetseiten:
Videoumfrage in Aachen zur Lebensmittelverschwendung Schlechtes Gewissen, wenn Essen im Müll landet?
Zu gut für die Tonne Internetauftritt der Kampagne des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft
Rezepte für Reste auf der Internetseite „Zu gut für die Tonne“
Zu gut für die Tonne-App für iOS-Systeme
Zu gut für die Tonne-App für Android-Systeme